Das Thermometer zeigt deutlich über 20 Grad an, die Straßen sind trocken: ideale Bedingungen für meine rassige Italienerin. Ich klemme mich hinter das hübsche Lenkrad, stelle den Fahrmodus-Regler auf RACE und fahre los.

Sobald ich auf freier Strecke bin, drücke ich das Gaspedal fest durch. Ein kleiner Ruck geht durch die Hinterachse, aber auch bei abgeschaltetem ESP bleibt das Fahrzeug stabil und bricht nicht aus. Die Schaltung springt sofort ein paar Gänge tiefer und der Motor setzt zu einer Mischung aus kehligem Röhren und aggressivem Brüllen an, die sofort einen Adrenalin-Ausstoß verursacht. Gleichzeitig schießt die Giulia nach vorne und drückt mich in den Sitz. Was mich dabei am meisten beeindruckt, ist das völlig fehlende Turboloch und die Sanftheit, mit der die ZF-Automatik ans Werk geht. Ich habe noch nie ein Auto gefahren, bei dem die Gänge derart schnell und zugleich ruckfrei hochschalten. Man hat das Gefühl, das Auto würde von einem Gummiband noch vorne katapultiert, fast wie bei einem Elektro-Fahrzeug. Parallel zu den Gangwechseln spielt der Motor die gesamte Bandbreite eines Profi-Orchesters beim Crescendo ab, von hell bis dunkel, von laut bis sehr laut. Und beim Abbremsen arbeitet das 8-Gang-Getriebe mit Zwischengas, was eine ebenfalls beeindruckende Geräuschkulisse zur Folge hat. Ich kann mich kaum entscheiden, ob ich lieber beschleunigen oder bremsen will, so einzigartig ist das jeweilige Spektakel.

In den Kurven bricht das Heck bei starkem Gasgeben kurz leicht aus, wenn das ESP ausgeschaltet bleibt. Ein Lupfen des Gaspedals korrigiert das sofort und vollständig, und die Giulia zieht wieder ihre Bahn wie auf Schienen. Wenn man auf die Gaspedal-Korrektur verzichtet,  driftet das Heck herrlich durch die Kurven, man kann die Hinterachse förmlich bei der Verteilung des Drehmoments (Torque Vectoring) arbeiten hören. Und natürlich die ebenfalls fantastischen Pirellis ihr Gummi auf der Straße lassen hören. Mit eingeschaltetem ESP (was nur außerhalb des RACE-Modus möglich ist) korrigiert die Italienerin sehr schnell den Ausbruch der Hinterachse eigenständig und bringt das breite Heck wieder in die Spur. Wer mit ESP driften will, muss schon sehr brutal mit dem Gaspedal umgehen. So oder so erinnert das Fahrverhalten an ein extrem potentes Gokart. Was die italienischen Ingenieure da gebastelt haben, ist wirklich beeindruckend.

Wie in diversen Vergleichstests mit BMWs M3- und M4-Modellen und dem Mercedes AMG C 63 zu lesen ist, bieten die beiden deutschen Hersteller mehrere Möglichkeiten an, elektronische Helferlein, Dämpfereinstellung, Straffung des Fahrwerks, Ansprechverhalten des Gaspedals, usw. einzeln zu justieren. Damit kann der Fahrer das Fahrverhalten ganz nach seinem Gusto einstellen. Bei der Giulia hingegen werden diese einzelnen Parameter für jede Fahrstufe automatisch in einer bestimmten Kombination eingestellt, lediglich die Dämpfer können in den beiden sportlichsten Modi manuell um einen Grad weicher justiert werden. Ich vergleiche das mit dem Konzept von Android vs. Apple: Während der User bei einem Android-Smartphone alles individualisiert einrichten kann, bietet ein iPhone ein Standard-Setting an, bei dem das meiste vorgegeben ist. Für den „normalen“ Anwender bietet das iPhone damit ein tolles Nutzer-Erlebnis, weil Apple sich sehr viele Gedanken zur optimalen Kombination der Parameter und Einstellungen im Vorfeld gemacht hat. Ähnlich ist es mit dem Alfa: Die Abstimmung aller Komponenten in den einzelnen Fahrstufen ist so geschmeidig und rund, dass man wirklich nichts Wesentliches vermisst. Man braucht sich – im Gegenteil – nicht den Kopf zu zerbrechen, wie die einzelnen Variablen am besten zu kombinieren wären. Einfach reinsetzen und losfahren mit dem sicheren Gefühl, dass man es auch selbst manuell nicht besser einstellen könnte.

Einmal auf der Autobahn, lässt sich die gleichförmige und ruckfreie Beschleunigung scheinbar endlos fortsetzen. Der 6-Zylinder Bi-Turbo schiebt das Auto auch bis weit jenseits der 200 km/h Marke so mühelos und kräftig nach vorne, dass man selbst bei hohen Geschwindigkeiten noch wirklich beeindruckend beschleunigen kann. Ich habe die Höchstgeschwindigkeit noch nicht getestet, mich reizt eher Beschleunigung als Top-Speed. Aber alleine zu sehen, welcher Schub noch bei Tempo 240 möglich ist, beruhigt und fasziniert.

 

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