Nach 23 Jahren Abstinenz hatte ich mich dieses Jahr entschlossen, wieder zur Mille Miglia zu fahren, dem weltweit größten historischen Autorennen mit alten Autos. Natürlich nur als Zuschauer, für die Teilnahme am Rennen fehlen mir das passende Fahrzeug und das nötige Kleingeld. Als passionierter Alfa Romeo Fahrer und langjähriges Mitglied im Alfaclub Deutschland habe ich mich, gemeinsam mit einem guten Freund, der jährlichen Mille Miglia Fahrt des Alfaclubs angeschlossen. Dieser organisiert ein mehrtägiges Programm rund um den Oldtimer Rummel, Ausgangspunkt und „Basislager“ dabei ist ein nettes Hotel in Iseo am gleichnamigen See. Von dort aus lassen sich Start und Zieleinlauf der Tour schnell erreichen, und auch sonst taugt die Lage zwischen Brescia und Bergamo hervorragend als Startpunkt für diverse Ausflüge.

Die Anreise nach Italien können wir leider nicht in meiner Giulia QV machen, da diese wegen einer verzögerten Ersatzteil-Lieferung noch in der Werkstatt steht. Kulanterweise hat mir der Alfahändler meines Vertrauens, die Firma Lauer & Süwer in Burscheid, klaglos einen 210-PS-Stelvio für die Fahrt in den Süden überlassen mit den Worten: „Natürlich können Sie nur mit einem Alfa zu einem Alfaclub-Treffen fahren.“ Großes Kompliment und Dank an dieser Stelle dafür!

Die Hinfahrt selbst ist schnell und bequem, der Stelvio ist ein echter Langstrecken-Künstler. Da wir an einem Dienstag außerhalb der Feriensaison unterwegs sind, gibt es keine Staus, und wir schaffen die gut 920 Kilometer einschl. Pause in knapp neun Stunden. Und wenn man weiß, dass die Strecke durch die Schweiz und den St. Gotthard Tunnel führt, dann erkennt man das wirklich Sensationelle an dieser Zeit. Hotel und See in Iseo empfangen uns mit kühlem aber trockenem Wetter, und wir können den ersten Abend bei einem sehr guten und erstaunlich preiswerten italienischen Essen ausklingen lassen.

Am Mittwoch geht es dann ans Eingemachte: Alle knapp 470 Fahrzeuge der Mille Miglia 2018 werden in der Innenstadt von Brescia in einem richtig großen Zirkus dem Publikum vorgestellt und auf den Plätzen und Straßen vor historischer Kulisse geparkt. Tausende von Besuchern schlendern durch die Szene, alle Fahrzeuge und Fahrer sind aus nächster Nähe zu besichtigen, quasi historischer Rennsport zum Anfassen. Der eine oder andere Prominente wie Walter Röhrl kommt auch ins Bild, die eigentlichen Hauptakteure sind aber natürlich die alten Schätzchen. Wer es nicht weiß: Bei der Mille Miglia dürfen nur Fahrzeuge der Baujahre 1927 bis 1957 teilnehmen, da dies der Zeitraum war, in dem das Rennen früher – als es noch ein echtes Rennen war – stattfand (heute ist “die Mille” nur noch ein Schaulaufen mit diversen Zeitfahrten und anderen Prüfungen). Und es müssen Modelle sein, die damals auch zum Renneinsatz kamen. Darüber hinaus beschränkt der Organisator die Anzahl von Fahrzeugen eines bestimmten Typs, um eine möglichst große Vielfalt zu bieten. Natürlich spielen die Hauptsponsoren wie Ferrari oder Mercedes Benz dabei auch eine gewisse Rolle, so dass schon mal rund 20 Flügeltürer (Mercedes 300) an den Start rollen können. Sonst ist aber unter den knapp 470 Oldies wirklich fast alles vertreten, vom kleinen knatternden Fiat Balila bis zum echten Rennboliden. Hier lassen sich Fahrzeuge wie Mercedes SSK, Bugatti oder Bentley in Aktion bestaunen, die man sonst nur brav in Museen hinter Absperrband geparkt sehen kann.

Nachdem die Fahrzeuge rund zwei Stunden in Brescia zu bewundern sind, starten sie nacheinander zur ersten Etappe, die an die Adriaküste führt. Bei rund 20 Grad haben mein Freund und ich es uns auf der Terrasse eines Restaurants bequem gemacht, während die Schätzchen in kurzer Abfolge direkt an uns vorbei fahren. Manche mit dezenter Geräuschkulisse, manche so laut, dass Konversation schwierig wird. Aber was soll’s, hier geht es darum zu schauen und zu staunen, nicht zu reden.

Am frühen Nachmittag bezieht der Alfaclub (fast) geschlossen Posten an einem Café entlang der Rennstrecke, um den gesamten Tross an sich vorbeiziehen zu lassen. Da die Strecke nicht abgesperrt ist, fahren die Mille Miglia Teilnehmer im normalen Straßenverkehr mit. Und mit ihnen hunderte weiterer Begleitfahrzeuge für Service, Technik, medizinische Hilfe und Ausrüstung. Und zwischendrin immer wieder Polizei auf Motorrädern, ebenfalls fleißig winkend. Man schätzt, dass in den vier Tagen der Mille Miglia bis zu fünf Millionen Menschen an der Strecke stehen und den Autos zujubeln, deren Fahrer wiederum gerne zurückwinken. Das hat alles den Charakter eines Volksfestes mit Begleitmusik aus vielen Litern Hubraum und noch mehr Pferdestärken. Nach rund 3 Stunden ist die Prozession vorbei und wir brechen unsere Zelte ab. Durch die herrliche Landschaft der Franciacorte geht es zurück nach Iseo, wo ein leckeres Abendessen mit frischem Fisch vor der Sonnenuntergangs-Kulisse am See auf uns wartet. Mehr geht einfach nicht.

Neuer Tag, neues Glück: Der Alfaclub organisiert einen Ausflug zu einer Privatsammlung von Alfas der Fratelli Cozzi in der Nähe von Mailand, gefolgt von einem Besuch beim offiziellen Alfa Romeo Museum in Arese, dem Hauptsitz des italienischen Autobauers. Die Privatsammlung der Gebrüder Cozzi ist ein echter Glücksfall für Autoverrückte: Der Gründer und Inhaber des einst größten Alfahändlers Italiens hat seit Mitte der Fünfzigerjahre Autos der Mailänder Marke gesammelt und im Keller eingelagert. 2015 wurde die private Sammlung dann in ein Museum umgewandelt, das nun der Öffentlichkeit zugänglich ist. Der inzwischen über 80-jährige Gründer und seine Tochter – und jetzige Geschäftsführerin – begrüßen uns und geben uns einen phantastischen Einblick in die Sammlung mit vielen Geschichten und Anekdoten zu fast jedem ausgestellten Fahrzeug. Eine sehr umfangreiche Sammlung an Literatur, Prospekten und Katalogen vermittelt einen Eindruck aus Händler-Perspektive und rundet das Bild ab – bevor zu italienischen Häppchen und Getränken gerufen wird. Unsere Gastgeber bemühen sich sehr um unser Wohl, und man merkt ihnen deutlich an, dass alte Autos – und speziell Alfa Romeos – für sie nicht nur ein beliebiger Job, sondern echte Leidenschaft sind.

Im Alfa Romeo Museum in Arese, einem Vorort von Mailand, erwartet uns dann kurze Zeit später eine Führung in deutscher Sprache – mitte deme typische italienische Akzente. Das Museum wurde vor wenigen Jahren komplett restauriert und bietet heute ein echtes multimediales Erlebnis auf mehreren Etagen. Da es direkt an der Zentrale angeschlossen ist, teilt man sich die Cafeteria mit den Mitarbeitern – eine charmante und authentische Szenerie. Nur der Alfa Romeo Shop ist etwas enttäuschend, das Angebot an Devozionalien ist recht dürftig. Mit dem Ergebnis, dass ich es trotz festem Vorsatz nicht schaffe, Geld auszugeben. Den Verantwortlichen empfehle ich einen Besuch im Shop des Porsche-Zentrums Leipzig, wo man die maximale Ausbaustufe in Sachen Merchandising bewundern kann.

Am nächsten Tag legen wir eine Mille Miglia Pause ein und genießen das milde Wetter und die frische Luft bei einer Schifffahrt über den Lago d’Iseo. Anschließend suchen wir ein Weinkontor auf, um ein paar Flaschen lokaler Weinbaukunst zu kaufen. Was die wenigsten wissen: Die Region Franciacorta ist besonders für erstklassige Schaumweine bekannt. Ich spreche hier nicht über die Unter-fünf-Euro-Discounter-Proseccos, sondern über edle Tropfen, die in Herstellung und Geschmack durchaus an Champagner erinnern (frankophile Weinliebhaber mögen mir den Vergleich verzeihen). Entsprechend liegen die Preise ab 16 – 18 Euro je Flasche und überschreiten auch mal die 50-Euro-Marke.

Am letzten Tag geht es dann wieder an die Rennstrecke, kurz vor dem Zieleinlauf in Brescia. In einem Restaurant direkt an der Straße verbinden wir Mittagessen und Mille Miglia, es gibt wieder jede Menge zu staunen und zu winken. Fahrer und Gerät wirken am vierten Tour-Tag sichtlich abgekämpfter als beim Start, gerade bei kleinen und engen Autos kann man den Teilnehmern die Strapazen anmerken. So gut mir die Vorstellung gefällt, einmal die Tour selbst mitzufahren – der Verdacht drängt sich auf, dass die Mille Miglia als Zuschauer das wesentlich entspanntere Erlebnis ist. Vieles vom Glanz dieses Ereignisses leitet sich davon ab, dass Teilnehmer ein elitärer Kreis von VIPs oder Möchtegern-VIPs sind und zu einer verschworenen Gruppe gehören, bei der man gerne mitmachen möchte, eben weil es ein geschlossener Kreis mit sehr hohen Zugangshürden ist. Ob die vier Tage für Fahrer und Begleiter aber wirklich am Ende uneingeschränkter Spaß waren, sei mal dahin gestellt. Manchmal ist träumen schöner.

Und richtig traumhaft ist dann auch die Rückreise am Sonntag. Wir kommen ganz entspannt in knapp neun Stunden wieder zuhause an, im Gepäck viele tolle Eindrücke und bleibende Erinnerungen. Und die Gewissheit, dass nicht wieder 23 Jahre verstreichen sollten bis zur nächsten Mille Miglia Reise.

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