Wir starten an einem Samstag Vormittag Mitte Oktober 2016 gegen 9 Uhr in Burscheid bei Köln. Wir, das sind meine wunderbare Frau Yvonne und unsere beiden Töchter Clara und Anna. Ziel der Reise ist Leads in Mittelengland, wo wir unsere dritte Tochter Laura besuchen wollen, die an der dortigen Universität studiert.

Unser Reisegefährte ist der Familien – Porsche Cayenne, in den neben unserem Urlaubsgepäck auch noch einige Utensilien für das studierende Familienmitglied passen müssen. Was auch der Grund ist, weshalb wir die rund 900 Km lange Strecke mit dem Auto zurücklegen und nicht fliegen.

Die Fähre Calais-Dover haben wir für 13:20 Uhr reserviert und machen uns gut gelaunt auf den Weg. Es geht zügig vorbei an Köln, selbst das Dauer-Nadelöhr Rheinbrücke auf der A1 bei Leverkusen gibt sich an diesem Tag wohlwollend. Unsere Strecke führt über Aachen nach Brüssel und von dort Richtung Gent und Ostende an die Nordsee. In Deutschland nutze ich die weitgehend leere A4 aus und lasse den Cayenne laufen. Mit seinen 262 PS ist der Diesel-Porsche sicher kein Vergleich zu einem doppelt so potenten 911, aber er hat eine hervorragende Strassenlage und erreicht die 100km Marke aus dem Stand in 7,3 Sekunden. Damit kann man definitiv sportlich fahren und über das ganze Drehzahlband immer genügend Leistungsreserven abrufen. Und man sieht dem Cayenne die stabile Strassenlage nicht wirklich an, aber du kannst selbst bei sehr hohen Geschwindigkeiten das Lenkrad herumreissen – und dank Porsches Stabilitätsmanagement fährt das Auto wie auf Schienen um die Kurve, kein Überschlagen und kein Ausbrechen. Ich hätte mich an derartige Tests niemals selbst getraut, aber bei der Werksabholung in Leipzig hat uns das ein Werksfahrer eindrucksvoll vorgeführt: Als er mit knapp 180 km/h auf eine Kurve zuhielt und keine Anstalten machte, das Bremspedal zu benutzen, war ich eigentlich sicher, dass wir in der nächsten Sekunde bestenfalls im Kiesbett stehen oder uns schlimmstenfalls überschlagen. Stattdessen fuhr der Cayenne mit leichtem Reifenquietschen einfach um die Kurve.

In den Niederlanden und Belgien stelle ich den Tempomat kurz über dem Limit ein und versuche, ein ordentlicher Verkehrsteilnehmer zu sein. Zwischen Gent und Brügge nimmt der Verkehr drastisch zu, es läuft nur noch im Stop & Go. Ich frage mich, was all diese Menschen an einem Samstag Vormittag auf genau dieser Autobahn wollen…. und vermutlich fragen die sich, was jemand mit einem Leverkusener Kennzeichen am selben Tag auf einer belgischen Autobahn sucht. Erst nach Ostende wird die Lage wieder entspannter. Wahrscheinlich wollen viele Belgier das schöne und sonnige Herbst-Wochenende an den Stränden verbringen.

Die Zeit wird langsam knapp für unsere gebuchte Fähre. Wenn kein weiteres Problem auftaucht, könnte es Spitz auf Knopf reichen, die Geschwindigkeitsbeschränkungen behandle ich schon seit Gent nur noch als reine Empfehlung. Und dann, kurz hinter der belgisch-französischen Grenze bei Dünkirchen, wartet der ultimative Schwachsinn: Zweimal wird der Verkehr an einer Ausfahrt abgeleitet und über einen direkt neben der Autobahn liegenden Kreisverkehr wieder an derselben Auffahrt zurück auf die Autobahn geführt. Diese Aktion macht mich völlig fassungslos, denn es gibt weder eine echte Baustelle noch sonst irgendein erkennbares Problem, weshalb man nicht einfach auf der Strecke weiterfahren könnte, anstatt über Abfahrt, Kreisverkehr und Auffahrt ungefähr 20 Meter Autobahn zu umfahren. Diese sind natürlich abgesperrt, sonst könnte man einfach die Umleitung ignorieren. Etwas derartig Idiotisches habe ich seit langem nicht gesehen. Natürlich verzögert dieses sinnlose Manöver den Verkehr erheblich, es dauert gefühlte Ewigkeiten, bis sich die zahlreichen LKWs im Fußgänger-Tempo um den Kreisverkehr geschlängelt haben, und so verlieren wir genügend Zeit, um die Fähre um 15 Minuten zu verpassen. Vielen Dank, liebe französische Verkehrsbehörde – ich werde euch weiter empfehlen.

Bevor wir den Hafen von Calais erreichen, führt der Weg an dem riesigen Zeltlager für Flüchtlinge vorbei, das inzwischen geräumt wurde. Ich kann nicht begreifen, weshalb diese Auflösung jahrelang hinausgeschoben wurde und auf was man dabei eigentlich gewartet oder gehofft hatte. So wenig ich verstehen kann, weshalb Flüchtlinge glauben, in Großbritannien ein wesentlich besseres Leben zu führen als in Kontinentaleuropa, so wenig kann ich die Behörden verstehen, die dieses wirklich entwürdigende und auch gefährliche Schauspiel so lange geduldet haben. Es ist genau diese Inkonsequenz und Zauderhaftigkeit, die viele sonst überzeugte Europäer an der EU (ver)zweifeln lassen. Ja, ich spreche hier durchaus auch für mich.

Der Hafen von Calais ist an diesem herrlichen Tag recht leer. Wie schon vermutet, sind die meisten Autofahrer an den diversen Badeorten von der Autobahn abgebogen und nur wenige, meist britische Fahrzeuge, reihen sich vor den Fähren ein. Wenn man seine gebuchte Fähre verpasst, ist das zum Glück kein Problem und man wird automatisch auf die nächste umgebucht. Völlig unbürokratisch und ohne Mehrkosten – so etwas geht also, wenn man nur will.

Die Fähre selbst, ein nicht mehr ganz taufrischer Stahlkasten mit Namen „Pride of Kent“, wirkt wie ein eigener Kosmos, ein übrig gebliebenes Relikt aus den Achzigerjahren. Ich kenne Großbritannien seit fast 30 Jahren und habe dort auch mehrere Jahre lang gelebt. Sehr vieles hat sich in den letzten Jahren verändert, allen voran Küche und Essgewohnheiten. Die sprichwörtlich schlechte englische Küche kann man immer noch finden, wenn man gezielt nach ihr sucht. Aber fast überall, in jeder provinziellen Kleinstadt, gibt es mittlerweile gute bis sehr gute Restaurants, und auch das Pubessen – Bastion englischer Kulinaristik – ist im Durchschnitt merklich besser geworden. Die Mensch legen viel mehr Wert auf vernünftige Ernährung, überall wird mit organischen und biologischen Produkten geworben, selbst im Fastfood-Bereich gibt es Ketten, die hervorragende frische Sandwiches, Salate und Smoothies anbieten. Es ist also wirklich überhaupt kein Problem mehr, sich egal wo auf der Insel gut und vernünftig zu ernähren, auch mit betont regionaler Küche. Gute Inder und Chinesen gab es immer schon, aber inzwischen hat man auch die eigene traditionelle Küche wieder entdeckt. Wer hier nähere Informationen und Tipps haben möchte, kann sich gerne bei mir melden :).

Und vor diesem Hintergrund wirkt die Fähre wie eine kulinarische Zeitreise in die Achziger: Das Bord-Restaurant lassen wir einmal außen vor, da wir es nicht besucht haben, aber die Cafés und Bistros versprühen den Charme eines abgehalfterten Pubs in einer Arbeitergegend im Londoner Eastend. Am Buffet gibt es Fish & Chips, gerne mit „mashed peas“ (zur Unkenntlichkeit zermatschte Erbsen). Alternativ verkochtes Hühnchen mit den gleichen Pommes oder ungewürztes indisches Curry, bei dem man gar nicht so genau wissen möchte, was darin verkocht wurde. Auf Wunsch kann alles in diversen fettigen Saucen ertränkt werden.

In einigen Regalen findet man bei genauerem Hinsehen dann tatsächlich auch einige Salate und frische Sandwiches, die hauptsächlich von kontinentaleuropäischen Gästen gewählt werden. Wie gesagt, ein echter Flashback. Das kann wohl daran liegen, dass die Mehrzahl der Passagiere eher „einfach gestrickte“ Menschen mit kleineren Budgets sind, viele von ihnen auch Fernfahrer. Die Fähre kostet außerhalb der Sommersaison nicht sehr viel, und wer mit mehreren Personen unterwegs ist, kommt i.d.R. so deutlich günstiger über den Kanal als per Flugzeug – wobei die Ryanairs diese Welt die Situation natürlich relativeren. Aber eine Fähre bucht sonst eigentlich nur jemand, der damit Kosten sparen kann oder das Auto als Transportmittel benötigt oder (und das trifft auch uneingeschränkt auf mich zu) das für eine herrliche old-school Erfahrung hält. Insofern ist das Achzigerjahre-Flair auf der Fähre durchaus opportun.

In Dover kommt dann die mentale Umstellung: links fahren. Das ist eigentlich kein großes Problem und mir schon immer recht leicht gefallen. Ich liebe auch die vielen Roundabouts (Kreisverkehre), davon gibt es schon in Dover reichlich. Nicht ganz so schick ist die Geschwindigkeitsbegrenzung von 112 km/h auf den Autobahnen, an die sich freilich kaum jemand hält. Auch ich habe den Tempomat bei 125 eingestellt, ertappe mich aber immer wieder dabei, wie ich doch aufs Gaspedal drücke, um das eine oder andere Überholmanöver zu beschleunigen. Britische Autobahnen sind sehr gut ausgebaut und meist dreispurig, während LKWs auf der jeweils äußersten Spur nicht fahren dürfen. Damit sind sie auf zweispurigen Strecken gar nicht auf der Überholspur zu finden. Das wäre auch mal eine Anregung für deutsche Autobahnen, um die nervigen Elefantenparaden zu vermeiden, wenn LKWs sich gegenseitig an Steigungen mit homöopathischen Geschwindigkeitsunterschieden zu überholen versuchen.

Der Verkehr auf der M25 rund um London ist ziemlich zäh, mittlerweile stecken wir auch im Feierabendverkehr. Auf der M1 geht es dann Richtung Norden an Milton Keynes vorbei in Richtung Leicester (sprich: Lester), Nottingham und Sheffield, bis wir gegen 20 Uhr endlich Leeds erreichen. Für die rund 430 Insel-Kilometer haben wir über 5 Stunden gebraucht, da wir auch noch in 2 endlos langen Baustellen Schritttempo fahren mussten. Wenige Monate später habe ich die Strecke Leeds-London mit der Bahn (Virgin Trains) in knapp über 2 Stunden zurückgelegt. Das schafft dann auch kein noch so potenter 911.

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