Die ganzen öffentlichkeitswirksamen Diskussionen der letzten Jahre über die Schutzwürdigkeit und Schutzbedürftigkeit der Spezies Radfahrer haben inzwischen dazu geführt, dass sich viele Radler heute per Definition im moralischen Recht sehen, ganz egal was sie tun und wie sie sich verhalten. Das nimmt teilweise völlig groteske Züge an und ist zunehmend unerträglich.

Radfahren ist gesund und umweltpolitisch sinnvoll; Radfahrer leben oft gefährlich und sind im Vergleich zu Autofahrern die schwächeren Verkehrsteilnehmer – geschenkt. Aber das gibt ihnen noch lange nicht das Recht, sich zunehmend und in rasant wachsender Zahl wie arrogante und ignorante Vollidioten zu benehmen. Immer häufiger stelle ich fest, dass Velo-Treter jeden Autofahrer per Definition für die Inkarnation des absolut Bösen halten, während Fußgänger – als lästiges Geschmeiß ihrem gottgegebenen Fortbewegungsrecht im Wege stehend – über den Haufen gefahren werden dürfen.

Neulich habe ich eine Gruppe von Rennradfahrern auf einer Fahrradstrecke beobachtet, die über eine Autobahn führte. Bei der Überquerung der Autobahn haben einige der Radfahrer ganz spontan und ohne erkennbaren Anlass ihren Mittelfinger in Richtung der Autofahrer gezeigt. Ganz ehrlich: Was bitte soll das? Ganz offensichtlich kann ein Autofahrer, der 5 Meter unterhalb eines Radweges unterwegs ist, keinen Radfahrer stören oder in seiner Bewegungsfreiheit einschränken. Woher kommt diese unglaubliche Aggression? Was soll das ausdrücken oder bewirken?

Vor ein paar Tagen war ich mit meiner Tochter unterwegs, sie fuhr selbst Fahrrad, während ich neben ihr joggte. Wir waren auf einer Trasse unterwegs, die sowohl für Radfahrer als auch Fußgänger gleichermaßen vorgesehen ist, und sind – nebeneinander – auf „unserer“ Hälfte der Bahn gewesen. Und zwar so, dass genau so viel Platz auf der anderen Hälfte für wiederum zwei Personen frei blieb. Trotzdem pöbelte uns ein (einzelner) Radfahrer beim Überholen mit den Worten an, dass wir gefälligst nicht den ganzen Platz für uns beanspruchen sollten. Untermalt wurde das wieder durch einen ausgestreckten Mittelfinger. Hallo? Meine Tochter war ebenfalls völlig entsetzt über so viel Unverschämtheit und Anmaßung.

Diese Beobachtungen sind leider keine Einzelfälle. Die Rücksichtslosigkeit von Radfahrern hat ein Ausmaß erreicht, das mich fassungslos und wütend macht. Regelmäßig rasen Gruppen von Rennradlern über besagte Trasse – auf der auch ältere Spaziergänger, kleine Kinder und Rollstuhlfahrer unterwegs sind – wie die Geistesgestörten und gefährden sich (was mir persönlich völlig egal ist) und viele andere. Dafür quetschen dann besonders gerne gesetztere Herren ihre dicken Bäuche und Fettpolster in hautenge Renntrikots, damit sie an den wenigen ausgewählten Sonntagen im Jahr, an denen Wetter und Zeit auch für Saunauntensitzer akzeptabel sind, sich und der Welt ihre unglaubliche Sportlichkeit vorführen können.

Ich frage mich, wie Menschen, die natürlich auch gleichzeitig Fußgänger und sehr wahrscheinlich Autofahrer sind, zu solchen Vollpfosten mutieren können, wenn sie ihren breiten Hintern auf ein Fahrrad zwängen. Hier scheint mir doch einiges in Punkto Selbstverständnis im Argen zu liegen. Und ganz sicher sollte die Politik damit aufhören, weiterhin so zu tun, als gäbe es verkehrspolitisch nichts Wichtigeres, als das Selbstwertgefühl der armen Radfahrer mit noch mehr und noch breiteren Radwegen – auf Kosten von Autofahrern und Fußgängern – weiter aufzuplustern. Das führt zu nichts anderem als noch mehr Verkehrschaos und noch mehr Verstopfung in den Innenstädten und Köpfen der Radler. Es sei denn, Radfahrer fangen endlich an, die Regale der Supermärkte zu beliefern und mit mehreren Personen gleichzeitig im strömenden Regen zur Arbeit zu fahren.

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